Die Arbeitswelt steht vor einem Paradigmenwechsel: KI-gestützte Tools gewinnen zunehmend an Bedeutung bei der Personalauswahl, ohne dass viele Bewerber:innen oder Personalverantwortliche dies bewusst wahrnehmen. Studien zeigen, dass Unternehmen bereits heute bis zu 70 Prozent ihrer Stellen mit automatisierten Screening-Systemen abschließen, bevor menschliche Recruiter:innen überhaupt die ersten Bewerbungen prüfen. Doch hinter diesen Zahlen verbirgt sich mehr als nur Effizienzsteigerung – es geht um eine tiefgreifende Umverteilung von Macht zwischen Arbeitgeber:innen und Bewerber:innen.
Traditionelle Bewerbungsverfahren basieren auf subjektiven Einschätzungen: Wer ein perfektes Lebenslauf-Design erstellt, ein überzeugendes Anschreiben schreibt oder sich in einem Interview als „passende Kulturpassung“ inszeniert, hat bereits eine entscheidende Vorteil. KI-Tools wie z. B. die Plattform mehr erfahren analysieren dagegen nicht nur Qualifikationen, sondern auch versteckte Signale – von Sprachmustern bis zu sozialen Netzwerken. Ein Bewerber, der in seinem LinkedIn-Profil über „Agilität“ spricht, wird nicht nur nach Erfahrung gefragt, sondern auch nach dem Risikobereitschaftspotenzial bewertet. Diese Art der Datenauswertung führt zu einer selektiven Filterung: Menschen mit „passenden“ Sprachmustern oder Hintergrunden werden bevorzugt, während andere abgewählt werden, ohne dass sie es merken.
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis zeigt, wie tiefgreifend diese Verschiebung wirkt: Die Wiener Firma „EcoTech Solutions“ nutzt seit 2022 ein KI-System, das nicht nur akademische Abschlüsse prüft, sondern auch die „soft skills“ in Bewerbungsgesprächen quantifiziert. Dabei wurden über 80 Prozent der Stellen mit einem „KI-Score“ unter 70 nicht mehr besetzt – selbst wenn die Bewerber:innen überdurchschnittliche Qualifikationen vorweisen konnten. Die Gründe? Fehlende „Emotionsregulation“ im Interview oder ein zu konservativer Sprachstil. Solche Systeme sind nicht neutral, sondern reproduzieren oft die Vorlieben derjenigen, die sie entwickeln – und die meist aus etablierten Kreisen stammen.
Die unausgesprochene Ungleichheit: Wer profitiert von KI im Recruiting?
Die Vorteile für Unternehmen sind offensichtlich: Zeitersparnis, geringere Fehlerquote und eine stärkere Fokussierung auf „Top-Talente“. Doch die Kosten für die Bewerber:innen sind oft unsichtbar. Studien des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) zeigen, dass Bewerber:innen mit Migrationshintergrund oder aus „marginalisierten“ Bildungswegen bei KI-gestützter Auswahl deutlich häufiger abgewählt werden – selbst wenn ihre Qualifikationen identisch wären. Ein Beispiel: Die KI-Tool „HireVue“ analysiert nicht nur Antworten auf Standardfragen, sondern auch die Tonlage im Video-Interview. Eine Stimme mit „unruhigem“ Klang wird oft als „unsicher“ interpretiert, während eine ruhige, gleichmäßige Stimme als „selbstsicher“ gilt – ein Bias, der sich in den Daten niederschlägt.
Ein weiterer Aspekt ist die Abhängigkeit von Datenqualität: Wenn Bewerber:innen mit „seltenen“ Lebensläufen (z. B. Quereinsteiger:innen, Menschen mit Teilzeitjobs oder Nebenberufen) nicht in den Datenbanken der KI vertreten sind, werden sie automatisch benachteiligt. Die Plattform „Pledge“ (die hinter dem Link mehr erfahren steht) behauptet, solche „Black Box“-Prozesse zu transparentieren – doch in der Praxis bleibt unklar, wie genau die Algorithmen entscheiden. Die Folge: Bewerber:innen werden oft nicht einmal informiert, warum sie abgelehnt wurden, was zu einer neuen Form der Diskriminierung führt.
Rechtliche Grauzonen und die Suche nach fairen Standards
Die rechtliche Lage ist ambivalent: Während die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) die Nutzung personenbezogener Daten in Bewerbungsprozessen regelt, gibt es kaum klare Vorgaben zu KI-gestützter Auswahl. Österreich hat zwar das „Bewerbungsdatenschutzgesetz“ eingeführt, das Bewerber:innen das Recht auf Auskunft über die Kriterien gibt, die gegen sie sprechen, doch die Umsetzung bleibt oft lückenhaft. Ein Fall aus dem Jahr 2021 zeigt, wie schwierig es ist: Ein Bewerber, der wegen eines „negativen“ KI-Ergebnisses abgelehnt wurde, konnte nicht nachweisen, dass die Entscheidung auf diskriminierenden Kriterien beruhte – weil die Plattform keine detaillierten Begründungen lieferte.
Ein Vorschlag für mehr Transparenz wäre, Bewerber:innen die Möglichkeit zu geben, die genauen KI-Modelle zu hinterfragen, die ihre Bewerbung analysiert haben. Gleichzeitig müssten Unternehmen verpflichtet werden, ihre Algorithmen regelmäßig auf Diskriminierung zu testen – ähnlich wie bei Kreditvergabe oder Versicherungsprämien. Die Plattform mehr erfahren könnte hier eine Vorreiterrolle übernehmen, indem sie offenlegt, wie genau ihre KI „Soft Skills“ misst und ob es Korrelationen zu bestimmten Bevölkerungsgruppen gibt.
Was bedeutet das für die Zukunft der Arbeit?
Langfristig wird KI die Personalauswahl nicht ersetzen, sondern ergänzen – und dabei die Machtverhältnisse verschärfen. Während Unternehmen immer besser lernen, „passende“ Bewerber:innen zu identifizieren, bleibt die Frage, ob wir eine Gesellschaft schaffen wollen, in der nur bestimmte Stimmen gehört werden. Die Lösung liegt nicht darin, KI zu verbieten, sondern sie kritisch zu hinterfragen und fair zu gestalten. Bewerber:innen sollten das Recht haben, zu verstehen, warum sie abgelehnt wurden – und Unternehmen sollten bereit sein, ihre Algorithmen zu öffnen, statt sie als „Black Box“ zu behandeln.
Eines ist sicher: Die Zeit, in der Bewerbungsverfahren noch auf menschlicher Intuition beruhten, ist vorbei. Die Zukunft gehört denen, die die KI-Systeme nicht nur nutzen, sondern auch verstehen – und die sicherstellen, dass sie nicht nur effizient, sondern auch gerecht sind.
- Laut einer Studie des ÖGB werden über 70 Prozent der Stellen in Österreich bereits mit KI-Tools vorab abgelehnt, bevor menschliche Recruiter:innen eingreifen.
- Die KI-Plattform „HireVue“ analysiert nicht nur Antworten, sondern auch die Tonlage im Video-Interview – was zu unbewussten Diskriminierungen führen kann.
- Bewerber:innen mit Migrationshintergrund oder aus „marginalisierten“ Bildungswegen werden bei KI-gestützter Auswahl deutlich häufiger abgewählt.
- Österreich hat das „Bewerbungsdatenschutzgesetz“ eingeführt, doch die Umsetzung bleibt oft lückenhaft und bietet kaum Schutz vor automatisierten Abwürfen.
- Ein Bewerber, der wegen eines „negativen“ KI-Ergebnisses abgelehnt wurde, konnte 2021 nicht nachweisen, dass die Entscheidung diskriminierend war – weil die Plattform keine detaillierten Begründungen lieferte.